Erinnerungen
an den Ostpreußischen Abstimmungssieg
am 11. Juli 1920

Das Abstimmungsdenkmal in Allenstein
Dieser Beitrag, aus der Feder von Adolf Sievers erschien im Jahre 1970 im Heimatbrief der Kreisgemeinschaft Sensburg e.V..
Heute, 40 Jahre später - 90 Jahre nach dem eindeutigen Bekenntnis der Bevölkerung im Süden Ostpreußens zu ihrer deutschen Heimat, sind diese Worte immer noch bedeutend und aktuell.

Redakion www.kreis-sensburg.de

Adolf Sievers schrieb:

Am 11. Juli 1970 jährte sich zum 50. Male der Tag, an dem die Bevölkerung der ost- und westpreußischen Abstimmungsgebiete ihr eindeutiges Bekenntnis zu Deutschland ablegte. Mir wurde er der Tag des erhebendsten nationalen Erlebnisses. Wenige Wochen vorher noch waren unsere Gedanken schwer, nachdem man - für uns unfassbar - große Teile Westpreußens durch Machtspruch den Polen ausgeliefert hatte. Überall in Deutschland herrschte Zwist, offener und heimlicher Bürgerkrieg. ...
Eine deutsche Diplomatie, die der polnischen Propaganda im Lager der Alliierten gewachsen gewesen wäre, war nicht vorhanden. Gering waren die Mittel, die uns im Lande zur Verfügung standen. Aber nun war es allen klar: Es kommt allein auf uns selber an. Und so fanden sich in jedem Dorf, in jeder Stadt, wie von selbst und ohne behördliche Leitung, die Männer, ja auch Frauen, die berufen waren, den Kampf der Geister zu führen.
Zur Überwachung der Abstimmung kamen einige Monate vor dem festgesetzten Tage alliierte Militärkommandos ins Land. In unserm masurischen Städtchen waren es Schotten unter Führung eines Oberstleutnants, der im Zivilberuf Ingenieur war. Auf dem Landratsamt wurden die Fahnen der Alliierten gehisst, und an Sonntagen gab es Flaggenparaden, die nicht immer nach Wunsch verliefen; die Soldaten mit ihren schottischen Röckchen kamen der Schuljugend so lächerlich und unmilitärisch vor, dass sie den Aufmarsch mit lautem Gejohle begleitete, was mir als dem Schulleiter eine Verwarnung zuzog. - Nachdem in einem Hotel der Stadt sich ein polnisches Büro etabliert hatte, wurden zu dessen Schutz auch einige italienische Soldaten eingesetzt - eine Maßnahme, die natürlich völlig überflüssig war.
Hier noch ein Wort über den britischen Oberstleutnant. Er zeigte von Anfang an das Bestreben, objektiv zu sein und erkannte bald, dass von irgendwelchen polnischen Sympathien nirgend im Kreise etwas zu spüren war.
Nach mehrwöchigem Aufenthalt äußerte er, er habe vergebens nach einem Polen gesucht. ...
Rechtzeitig hatte die Werbung eingesetzt. Da jede amtliche Beeinflussung untersagt war, waren freiwillige Helfer Abend für Abend unterwegs, anfänglich mit den Dorfbewohnern in Gesprächen den Ernst der Lage erwägend, bald aber schon in der siegesbewußten Erkenntnis, dass das Abstimmungsergebnis eindeutig sein würde.
Das ostpreußische Abstimmungsgebiet umfasste den Süden der Provinz, diejenigen Kreise, deren Bevölkerung als masurisch galt und als polnisch ausgegeben wurde. Von jeher war hier eine von Warschau aus geleitete polnische Propaganda, die jedesmal vor den Reichstagswahlen eingesetzt hatte, völlig erfolglos geblieben. Doch jetzt, in dem unglücklichen, niedergetretenen Deutschland, glaubte man, müsse der polnische Weizen blühen. Aber bald schon verspürten die polnischen Werber, dass auch jetzt ihr Wirken fruchtlos sein würde. Man merkte fast nichts von ihnen, da sie nur hinter verschlossenen Türen arbeiteten. Ungeheures Werbematerial, das sie im Lande verbreiten sollten, kam auch nur spärlich an den Ort seiner Bestimmung. Die polnischen Zettelverteiler sahen meist selbst die Nutzlosigkeit ihres Tuns ein, versenkten manchmal ganze Ladungen von Flugblättern und Broschüren in einem der zahlreichen masurischen Seen und strichen abends ihren leichtverdienten Tageslohn ein.
Nun begann der Zuzug der Stimmberechtigten aus allen Teilen Deutschlands, besonders aus dem westfälischen Kohlenpott, wohin seit Jahrzehnten eine starke Abwanderung aus dem Osten stattgefunden hatte. Aber auch aus dem Auslande, sogar aus Amerika, kamen treue Söhne und Töchter der masurischen Erde, um die Väterheimat zu retten. Als in letzter Stunde die polnische Regierung trotz entgegenstehender Abmachungen den Bahnverkehr durch den neugeschaffenen „Korridor“ erschwerte, wurde ein Teil des Transportes auf dem Seewege durchgeführt.
Der damals begründete „Seedienst Ostpreußen“ hat bis zum Zusammenbruch 1945 bestanden und viel dazu beigetragen, Gäste aus dem deutschen Westen nach Ostpreußen zu führen, die dann das vielverkannte Land mit seinen landschaftlichen Reizen und seiner tapferen Bevölkerung entdeckten und liebgewannen.

Ostpreußen fahren zur Abstimmung in ihre Heimat

Auf dem etwas abseits gelegenen Sensburger Bahnhof entstand, wie allerorts, ein lebhaftes Treiben. Die einlaufenden Züge, mit Laubwerk und Fahnen geschmückt, wurden jubelnd begrüßt, reiche Verpflegung gleich am Bahnhof ausgegeben, wo Frauen und Mädchen unermüdlich an der Arbeit waren. Da gab es manche frohe Begrüßung mit Freunden und Verwandten, die man jahrelang nicht gesehen und fast vergessen hatte.
Im Triumphzug ging es in die mit Fahnen und Tannenspalier geschmückte Stadt, wo für jeden Ankömmling Quartier bereit war; denn kein Bürger ließ es sich nehmen, die Volksgenossen bei sich aufzunehmen und zu bewirten. Oft blieb der Besuch noch lange nach dem Abstimmungstage, und Ausflüge und Wanderungen in die unvergleichlich schöne Heimat wurden unternommen.
Am letzten Tage vor der Abstimmung war das Treiben auf seinem Höhepunkt angelangt. Deutsche und ausländische Pressevertreter fuhren durchs Land. Der Schreiber dieser Zeilen hatte die Aufgabe, sie zu informieren. Er wurde immer wieder gebeten, sie mit polnisch Gesinnten zusammenzuführen, konnte aber ihren Wunsch mit dem besten Willen nicht erfüllen. Am Vormittage des denkwürdigen 11. Juli 1920, einem strahlend, schönen Sommersonntag, war es auffallend ruhig in der Stadt Sensburg. Nur vor und in den Abstimmungslokalen herrschte starkes Gedränge und rege Tätigkeit, aber die streng überwachte Abstimmung ging mit geradezu feierlichem Ernst vor sich. Ich besuchte nacheinander die Lokale. An einer Stelle wurde mir gesagt, es seien soeben zwei Stimmen für Polen abgegeben. Nicht etwa, dass man die Stimmzettel gesehen hätte, aber jeder in der Stadt kannte die beiden, einen Schneider und einen Arbeiter am Gaswerk, die vor Jahren eingewandert waren, als Polen.
Erst gegen Abend wurde es auf den Straßen wieder lebhafter, und nach Schluss der Abstimmung sammelten sich immer größere Scharen auf dem geräumigen Marktplatze, wo von einer Kanzel die Ergebnisse bekannt gegeben werden sollten. Als von den ersten kleinen Dörfern - sieben an der Zahl - die Meldungen kamen - es waren abgelegene Ortschaften, in denen noch vielfach der masurische Dialekt gesprochen wurde - hatte ich die Freude, das Ergebnis mitzuteilen:
„Sämtliche Stimmen für Deutschland!“

Ein unbeschreiblicher Jubel begrüßte die Meldung! Und nun ging es so weiter, Dorf für Dorf! In der Stadt blieb es bei den zwei polnischen Stimmen. Die gesamte Ernte der Polen im Kreise Sensburg waren 25 Stimmen. Als dann gegen Mitternacht nach einer Ansprache die tausendköpfige Menge
„Nun danket alle Gott“ anstimmte, da lebte in uns allen die freudige Überzeugung: „Volkes Stimme - Gottes Stimme“ Das Abstimmungsergebnis im ganzen Gebiet lautete:

97,8 % der Stimmen für Ostpreußen / Deutschland - 2,2% für Polen.

In meinem Gedächtnis bleibt das Leuchten dieser Tage unauslöschlich, und nichts kann meine Hoffnung auf Deutschlands Wiedererstehen stärker beleben, als diese Erinnerung.
Adolf Sievers
Oberstudiendirektor i. R.
Text geringfügig gekürzt


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